21 April 2021

Die Tinktur des Todes von Ambrose Perry

 

Will Raven hat sich, aus eigener Kraft und einem etwas geschönten Lebenslauf, aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet und erhält eine Stelle als Famulus bei dem berühmten und angesehenen Professor Dr. Simpson, einer Koryphäe auf dem Gebiet der Geburtshilfe.

Einen Tag, bevor er das düstere Viertel, in dem er bisher wohnt, verlassen will, findet er die Leiche seiner Freundin Evie, einer Prostituierten. Sie liegt mit stark verenkten Gliedern und schmerzverzerrtem Gesicht in ihrem Zimmer. Raven flieht, als er die Leiche findet, er möchte nicht in eine Mordermittlung verstrickt werden, die seine Karrierepläne vereiteln könnten.

Als er aber erfährt, dass noch mehr Frauen im gleichen Zustand gefunden werden, plagt ihn ein schlechtes Gewissen und zusammen mit dem Hausmädchen Sarah, versucht er, herauszufinden, an was die Frauen gestorben sind.

Kommentar: 
Ich lese gerne viktorianische Krimis, vorzugsweise welche, die in London spielen. Aber ich muss zugeben, Edinburgh läuft London langsam den Rang ab. 
Das faszinierende an diesem Krimi ist für mich, dass keine Ermittler eine Hauptrolle spielen, sondern zwei Charaktere, die von der höheren Gesellschaft gerne übersehen oder ignoriert werden. 
Will Raven hat sich buchstäblich aus der Gosse hochgearbeitet. Nachdem sein Vater gestorben ist, zieht seine Mutter wieder zu ihrem Bruder, einem verknöcherten, bigotten Anwalt, der sich immerhin dazu herablässt, dem Neffen das Schulgeld zu bezahlen. Raven weiß, dass seine Mutter sich dafür vor ihrem Bruder erniedrigen muss, der ihr täglich vorwirft, dass sie einen Nichtsnutz geheiratet hat und jetzt einen Nichtsnutz groß zieht. 
Raven träumt davon, ein bekannter Arzt zu werden und seiner Mutter ein Heim bieten zu können Der Weg dahin ist weit und auch sehr schmerzhaft, wie er erfahren muss. Er hat bei einem Geldverleiher Schulden angehäuft, die er nicht zurückzahlen kann. So ist der Umzug in Dr. Simpsons Haus auch gleichzeitig eine Flucht vor den Geldeintreibern. 
Sarah arbeitet als Dienstmädchen im Haus der Simpsons. Sie liest gerne und träumt davon, einer sinnvolleren Tätigkeit nachzugehen. Im Jahre 1847 für eine Frau unvorstellbar. Immer und immer wieder muss sie sich anhören, dass ihr Verhalten und ihre Ambitionen sich nicht ziemen. Frauen sind lediglich das schmückendes Beiwerk eines Mannes oder Gebärmaschinen, Wünsche, Träume, Glück oder wahre Liebe sind nicht von Belang. 
Das erste Aufeinandertreffen zwischen Sarah und Raven läuft nicht besonders gut. Sarah hilft schon seit längerem in der Hausarztpraxis ihres Arbeitgebers, die sich im Wohnhaus befindet. Keine Seltenheit zur damaligen Zeit. Ihren Haushaltspflichten kommt sie nur oberflächlich nach, um mehr Zeit mit den Patienten verbringen zu können. Daher kennt sie Gepflogenheiten und Launen des Arztes und seiner Helfer sehr genau und stellt Raven am ersten Tag bloß. Etwas, was er nicht so schnell verzeihen kann. 
Sie ist es, die ihm von dem verschwundenen Hausmädchen Rose erzählt, deren Leiche später im gleichen Zustand aufgefunden wird wie Evies. Raven kann niemandem sagen, warum er so an dem Todesfall interessiert ist, Sarah kommt aber nach und nach dahinter. 
Der Autor schildert die Zustände im Jahre 1847 sehr eindringlich und lebhaft, seine Protagonisten sind keine reichen Schnösel oder knallharte Ermittler sondern zwei Menschen, die aus der unteren Gesellschaftsschicht kommen und kaum eine Möglichkeit haben, jemals in eine andere Schicht aufzusteigen. Man muss schon über ein so begnadetes Talent verfügen wie Dr.Simpson, um sich einen Namen zu machen. Die Einzelheiten der Geburtshilfe sind teilweise erschreckend zu lesen, die Zahl der Todgeburten ist hoch, auf Hygiene wird kaum Wert gelegt. Dr.Simpson ist einer der wenigen Ärzte, der Äther anwendet, um den Patientinnen den Schmerz zu ersparen. Es gibt allerdings viele Gegner dieses Betäubungsmittels und das Pro und Contra schildert der Autor sehr eindringlich. Viele Forscher und angehende Ärzte suchen fieberhaft nach einer Alternative, die den Patienten Schmerz und Leid ersparen würde. Mich hat dieses Thema unglaublich gefesselt und man erkennt erst bei der Schilderung der Operationen, wie gut es uns heute geht. 
Es handelt sich nicht um einen knallharten Thriller oder actionreichen Krimi, die Geschichte entwickelt sich langsam der Autor nimmt sich Zeit, seine Charaktere vorzustellen und sie sich entwickeln zu lassen.  Das gibt diesem Roman eine Glaubwürdigkeit, die man eher selten findet. Und beide Hauptfiguren stehen stets vor der drohenden Gefahr, ihre Stelle zu verlieren, was in der damaligen Zeit ein abrutschen in die Armut bedeutet. 
Ich habe die negativen Kritiken zu dem Buch gelesen, von denen sich einige ja auf die schlechte Version des Hörbuches beziehen. Die anderen Negativbewerter monieren die fehlende Spannung und die Ausflüge in die wissenschaftlichen Gefilde. Was jemand an Spannung erwartet ist ja sicherlich subjektiv aber die Ausflüge in die Medizin und Wissenschaft fand ich durchaus lesenswert und spannend. Mich hat es etwas an den Roman »die Einkreisung« erinnert, in dem ja auch viele Menschen den wissenschaftlichen Erkenntnissen skeptisch gegenüber stehen und innovative Ideen verworfen werden.  Aber wo wären wir heute ohne diese wagemutigen ForscherInnen. 
 
Fazit: 
Für mich ein spannender viktorianischer Krimi, der sich aus der Masse heraushebt und die damalige Zeit ungeschönt schildert. Dazu gehört eben auch das Bild der Frau auch wenn viele männliche Rezensenten, das negativ bewerten und die geschilderten Szenen als überflüssig betrachten. Aber für mich gehört das zum Sittenbild der damaligen Zeit.
 
Titel: Die Tinktur des Todes 
Autor ( ja ich weiß, es ist ein Duo) Ambrose Perry 
Verlag: Pendo Verlag, Softcover, 457 Seiten 
ISBN: 9783866124721

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