05 Januar 2019

Kemet - Die Götter Ägyptens, Hrsg. Grit Richter und Katharina Fiona Bode





Das alte Ägypten ist eine spannende Epoche und die Götter dieser Zeit haben nie ihre Faszination verloren.
Sie füllen ganze Romane und Spielfilme und  werden in Videospielen wieder lebendig.
In dieser Anthologie berichten elf verschiedene Autoren und Autorinnen darüber, wie die alten Götter in der neuen Zeit leben, überleben und sich angepasst haben. Ich gehe auf jede Geschichte kurz ein, manche lassen einen den Kopf schütteln, einige bringen uns zum Lachen und andere machen einen traurig. Doch sie sind alle lesenswert und unterhaltsam.
Das Auge der Macht von Udo Brückmann
In dieser Geschichte haben die Mächtigen von einst ein Auge auf die Mächtigen von heute. Der Autor schildert kurz und knapp was passiert, wenn man seine Macht missbraucht. Mir hat an dieser Geschichte etwas die Poesie gefehlt. Und ich denke, man sollte darüber nachdenken, was die Konsequenz der Entscheidung der Götter ist. Ein Ansatz für eine endlose, hitzige Diskussion.

https://artskriptphantastik.de/kemet.html
Das groteske Tagebuch des Anubis von Jessica Iser
Diese Geschichte ist in Tagebuchform verfasst. Und wie am Titel schon erkennbar, handelt es sich um das Tagebuch des schakalköpfigen Gottes Anubis. Er geht einen Pakt mit Seth ein, um die Menschheit vor seiner Verwandtschaft zu schützen.
Dies ist eine der Geschichten, die mir sehr gut gefallen haben. Sicher ist es für Anubis nicht einfach, ausgerechnet mit Setz zusammen zu arbeiten aber neue Zeiten erfordern eben neue Maßnahmen. Das scheinen die anderen Götter nicht begriffen zu haben. Die Tagebuchform und die Ausdrucksweise des Gottes bringen den Lesern zu schmunzeln und ermöglichen ihm endlich Einsicht in die Gedanken eines Gottes.

Die Wiedergeburt des schillernden Gottes von Axel Pirker
Chepre, der Gott der Schöpfung und der Widergeburt, ist der einzige Überlebende des Exodus der alten Götter. Der Namenlose war es, der sie einst vernichtete. Der einzig wahre Gott, der Herr. Doch was ist aus diesem Namenlosen geworden? Chepre kann es nicht fassen.
Auch diese Geschichte hat mir gut gefallen. Man muss sich seiner Angst stellen, nicht vor ihr davon laufen. Dann erst kann man erkennen, dass nichts so schlimm ist, wie die Angst, die ihre Klauen in einen gegraben hat. Stellt man sich ihr, ist sie plötzlich winzig.

Der Schrei des Falken von Corinna Schattauer
Auch wenn Äonen seit ihrem Machtverlust vergangen sind, können Götter nicht aus ihrer Haut. Maat leidet unter dem Ungleichgewicht der Welt, Bastet bittet Anubis um Hilfe, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.
Auch hier ist Anubis eher auf der Seite der Menschen, bekämpft mit allen Mitteln diejenigen, die das alte Reich wieder entstehen lassen möchten. Er lebt schon zu lange in der Welt, hat zu viel gesehen und die Menschen schätzen gelernt. Er klammert sich nicht mit allen Mitteln an seine alte Macht, im Gegensatz zu einigen der anderen Götter.

Der größte Temple der Geschichte von Marcus Rauchfuß
Zitat Seite 67
Was aber die möglichen Berufe in der modernen Welt anbelangte, war er sich ganz sicher: Er würde sich nicht mit einer Nische zufrieden geben wie dieser griechische Botengott, der jetzt einen Paketdienst gegründet hatte."
Diese Geschichte finde ich sehr realistisch. Toth, Gott der Hieroglyphen und der Schrift sucht seinen Platz in der neuen Welt.  Seine Idee ist so genial, dass auch Bastet auf den Zug aufspringt und ihm Konkurrenz macht. Diese Geschichte erklärt einfach alles! Köstlich, wie die Dinge ein eigenes Leben entwickeln und sich ausbreiten wie eine Sucht.

The Crocodile Splash Toilet Company.
Toeris, kurz genannt Tori, ist nicht die schönste aller Göttinnen. Doch sie ist geschäftstüchtig und es gelingt ihr, eine große Anhängerschaft um sich zu scharren. Als Horus sie um Hilfe bittet, sieht Tori endlich ihre Chance, den anderen Göttern ihren Wert zu beweisen.
Diese Geschichte gehört ebenfalls zu meinen Lieblingsgeschichten. Es ist bewundernswert, mit welcher Nonchalance die Göttin der Geburt und Schutzgöttin der Hebammen die Krise meistert. Ihre Macht spiegelt sich in den alltäglichen Kleinigkeiten. Trotz ihres abstrusen Äußerlichen wirkt sie menschlicher als alle anderen Götter. Wie Anubis, hat sie in der Welt ihren Platz gefunden und sich mit den Menschen arrangiert.  Etwas, was die mächtigsten der Götter nie geschafft haben.

Von Herzen von Tino Falke
Oregon, von den Einheimischen liebevoll God's Country genannt, bekommt Besuch von einer Göttin. Sie ist einsam, ihre frühere Gabe ist heute ein Fluch. Sie kann in das Herz der Menschen blicken, erkennt jede Lüge und jeden Betrug. Niemals Freundschaften schließen, Jahrtausende allein, das ist kein erstrebenswertes Leben.
Diese Geschichte berührt, man wünscht der Göttin etwas Glück und Zweisamkeit, doch in einer Welt, in der die Menschen sogar sich selbst belügen, ist kein Platz für jemanden, der alle Geheimnisse kennt. Eine wunderschöne Geschichte, in wunderbaren Worten erzählt.
Totenpfade von Jenny Wood
Zitat:
"Der Kater, so hatte man ihn einst genannt in den goldenen Zeiten am Nil, als er und seine Geschwister die Götter eines mächtigen Königreichs waren. Er war der Wegbereiter der Seelen, führte die Verstorbenen in die Duat, das Jenseits."
Heute ist er forensischer Mediziner mit einer hervorragenden Erfolgsquote. Denn er kann mit den Verstorbenen kommunizieren und so in Erfahrung bringen, wer sie umgebracht hat. Der Tod einer jungen Frau erschüttert ihn zutiefst, denn er kennt den Täter aus vergangenen Zeiten.
Eine Kriminalgeschichte darf natürlich in dieser Sammlung nicht fehlen. Wie alle Pathologen, ist auch Doctor Mafed etwas verschroben und eigenwillig. Um diesen Fall zu lösen braucht er die Hilfe eines menschlichen Detektivs. Zitat Seite 136: "Unmöglich ist eine Grenze, die nur für Menschen existiert. Ich kann sie hinter das Unmögliche führen."Auffordernd streckte Mafed die Hand aus. Er wusste nicht, wie Barnell sich entscheiden würde."

Schlangenseele von Martin Rüsch
Wadjet, die ehemalige Landesgöttin Unterägyptens  und Beschützerin des Pharao wandert durch die Welt auf der Suche nach einem Platz, wo man noch das Bedürfnis nach göttlichem Schutz und Beistand hat. Als sie die 30 Meter hohe Statue Christo Redentor in Brasilien sieht, ist sie sich sicher, am Ende ihre Suche angelangt zu sein. Doch die Konkurrenz schläft nicht.
Es ist interessant zu lesen, welche Veränderungen die Schwestern Wadjet und Nechbet durchgemacht haben. Während sie früher gemeinsam die Schutzgöttinnen des Pharaos waren, stehen sie nun auf verschiedenen Seiten. Schutzgöttin zu sein ist für Wadjet eine Berufung und auch nach tausenden von Jahren geht sie dieser Berufung nach, während Nechbet endlich aller Pflichten ledig und frei sein möchte.

Tausend Jahre und ein Tag von Caroline Strack
Zitat von Bastet an Anubis: Und Du redest von Menschen. Menschen! Sie sterben, nach einer Woche, einem Jahr, nach hundert Jahren, was spielt es für eine Rolle, was Nepthys mit ihnen tut? Willst Du sie gleichsetzen mit einem von uns, der tausend mal tausend Menschenleben wert ist?"
Dieser Geschichte handelt von Herzeleid und einer Äonen langen Suche. Es ist meine Lieblingsgeschichte in diesem Buch. Sie drückt so vieles aus. Hoffnung, Trauer, Leid, Liebe, Einsamkeit, Verlust. Es ist erstaunlich, wie viel Gefühl eine Autorin in eine so kurze Geschichte stecken kann. Und wieder ist es Anubis, der Partei für die Menschen ergreift und sich schützend vor sie stellt.

Highway to Heliopolis von Melanie Vogeltanz
Seth als Barbetreiber und Harley Davidson Fan? Als Gott des Bösen, des Sturmes und der Vernichtung sicher keine allzu abwegige Vorstellung. Eine amüsante Kurzgeschichte über einen Gott, der sich voll in die Welt integriert hat.

Göttliche Überlebenstipps von Daniel Müller
den langen Titel habe ich mir gespart. Der Autor gibt uns Verhaltenstipps bzw. klare Benimmregeln im Umgang mit den Göttern. Er bezieht sich nicht nur allein auf die ägyptischen Götter. Nein, seine Tipps gelten universell für griechische, indische oder auch römische Götter. Denn  sie sind alle gleich arrogant und überheblich und verzeihen Respektlosigkeit nicht.

Epi'log doch Heh sprach wahr von Katharina Fiona Bode
Diese Geschichte besticht durch ihre Wortspiele. Einige der Götter habe ich nachschlagen müssen, denn GEB war mir tatsächlich unbekannt.. Achtzehn Götter tauchen in dieser unglaublichen Geschichte auf, darunter finden aber auch Zeus und Athene ihren Platz. Da ich das Buch der Autorin kenne, wusste ich, was mich bei der Geschichte erwartet. Überschäumende Wortspielereien und verrückte Ideen.
Jede der Geschichten wird eingeleitet durch eine Kurzbiografie des Verfassers bzw. der Verfasserin.  Das Vorwort stammt von Akram El-Bahay, der vielleicht einen Funken Götterblut in sich trägt. Denn wie sonst könnte er über so phantastische und märchenhafte Abenteuer erzählen.
Das Cover des Buches vermittelt genau das, was der Leser auch bekommt. Unglaubliche Geschichten über vergangene ( oder nicht vergangene) Götter.  Einige finden ihren Platz in der Welt, arrangieren sich mit der Situation. Andere wiederum strotzen nur so vor Arroganz und erkennen nicht, dass ihre Zeit längst vorbei ist. Und dazwischen Izzy, auf der ewigen Suche. Die Zwischenblätter mit den ägyptischen Schriftzeichen (sicherlich von Toth entworfen) und die Seitenumrandungen runden dieses perfekte Kleinod ab und wecken in dem Leser den Wunsch, noch mehr über die alten Götter zu lesen.
Qualitativ fand ich sämtliche Erzählungen gleich gut. Alle Autorinnen und Autoren verstehen es, ihre Geschichten lebendig wirken zu lassen. Auch wenn ich nicht alle Geschichten gleich mochte, war stilistisch jede hochwertig.
Einen Dank an den Art Skript Phantastik Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Rezension ist keine Werbung sondern gibt meine subjektive Meinung wieder.
Autor: Diverse
Verlag: Art Skript Phantastik Verlag, TB 241 Seiten
ISBN: 9783945045145

Kommentare:

  1. Hallo Petra,
    danke für die Rezension :-)

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  2. Vielen vielen Dank für deine Rezension! Freue mich riesig, dass die Geschichte dir gefallen hat :-)

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  3. Wenn die Autorinnen und Autoren hier kommentieren, ist das natürlich eine besondere Wertschätzung. Danke euch

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  4. Hallo Petra,
    interessante Rezension - und einige der Geschichten lesen sich gut. Mein grundsätzliches Problem ist, dass ich mit Geschichten von "erfunden Göttern" nichts anfangen kann. Das passiert sich auch auf Engel und anderes übersinnliches Personal.
    LG
    Daniela

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