S.E.N.S.E bedeutet „sofortige
Entnahme neuer Sterbender Einheiten. Der Tod muss pünktlich, genau und effektiv
sein. Rational, ohne sich über die Sterbenden Gedanken zu machen. Sein Job ist
es, die Sterbenden zu begleiten und zu führen. Nichts sonst. Als der Tod, der
Niklas Berger zugeteilt wird, aufgrund eines Bandenscheibenvorfalls ineffizient
wird und seinen Auftrag nicht, wie sonst, korrekt und zeitnah ausführen kann, wird er seines Amtes enthoben. Es muss
schnellstmöglich ein Ersatz her, denn die Entnahme duldet keinen Aufschub und
keine Verzögerung. Also was liegt näher, als Niklas Berger den Job zu
übertragen? Niklas liegt in Koma und ist
somit der ideale Kandidat für die vakante Stelle. Natürlich wird er nicht gefragt,
ob der den Job überhaupt annehmen möchte, eine Ablehnung führt zu einem
sofortigen Übergang.
Also bleibt Nicklas nichts
anderes übrig, als die Aufgabe zu übernehmen. Widerwillig, noch voller
Emotionen und mit der Hoffnung, dass er eines Tages aus seinem Koma erwachen
kann.
Kommentar:
Mir fällt es schwer, zu diesem
Buch etwas zu sagen. Während des Lesens hatte ich immer den Gedanken im Kopf:
Das ist wie bei den Borg. Kurze, knappe Sätze, die keinen Spielraum offen
lassen für Gefühle oder eigene Gedanken.
Hier ein Beispiel, das es
verdeutlicht:
Support: „Der Übergang ist
terminiert.“
NIklas: „Dann verschiebt den
Endpunkt.“
Support: „Endpunkte sind nicht
verhandelbar.“
Oder: "Emotionale Interferenzen wurden festgestellt."
Das System redet kurz und
knapp. Eine Diskussion ist nicht möglich. Es agiert und reagiert völlig rational,
menschliche Gedanken und Gefühle kann es nicht nachvollziehen.
Niklas erster Kandidat ist der
kleine Jonas, gerade mal 9 Jahre alt. Niklas versucht alles, um den Tod des Kindes
abzuwenden, doch er hat keine Chance. Seine Einwände sind nicht relevant für
den gesetzten Endpunkt. Die Antwort lautet stets: “Die Durchführung ist
terminiert.“
Mich hat die Schreibweise von Jürgen
Will zuerst irritiert. Aber sie ist konsequent und der Geschichte entsprechend
auch logisch. Ausnahmen sind nicht vorgesehen, dass Schicksal eines jeden
Einzelnen muss seinen Lauf nehmen.
Mit der Zeit eignet sich
Niklas diese knappe Sprechweise an, bis Alina ihm als Co-Vollzugsassistentin
zugewiesen wird. Die junge Frau hinterfragt das ganze System, wie auch zuvor
Niklas Berger. Und sie gibt nicht so schnell auf, zeigt Mitgefühl und
interagiert mit den ihr zugewiesenen Kandidaten. Damit steht sie kurz vor der
endgültigen Terminierung.
Ihr Schicksal hat mich nachdenklich
gemacht, denn Jürgen Will hat hier ein aktuelles Thema unserer Zeit
aufgenommen. Ich zitiere nochmals:
Alina: „ Ich wollte nicht
alleine sein……sobald ich online war, hatte ich das Gefühl, ich existiere. Wenn
Leute kommentiert haben, dachte ich, ich werde gesehen. Aber wenn ich das
Smartphone weggelegt habe, war es still. Dann war da nichts:“
„Ich dachte, wenn ich wichtig
genug wirke, bin ich es irgendwann.“
„Klicks sind keine Freunde,“
sagte Niklas ruhig.
Diese Szene verdeutlich ziemlich
genau die Situation vieler Jugendlicher der heutigen Zeit. Ich bin Ü60 und habe
eine intensive Jugend ohne PC und Smartphone erlebt. Mich erschreckt teilweise,
wenn ich sehe und erlebe, wie abhängig die Menschen heute von diesem kleinen
Gerät und von social media sind. Die ihre Freizeit mit nichts auszufüllen
wissen, die teilweise völlig isoliert leben und mit dem Handy mit der Außenwelt
interagieren.
Und obwohl Alina zuerst
oberflächlich wirkt, sie sie meines Erachtens das Herz dieses Buch, denn sie
versucht, sich und das System zu ändern. Doch etwas, das Jahrtausende lang
funktioniert hat, hat kein Verlangen nach Veränderung.
Eine Szene zwischen einem
Priester und Alina hat mir auch sehr gut gefallen. Beide sprechen eine völlig
andere Sprache, sie eine Jugendsprache mit neuen Begriffen, er die Sprache
Gottes - aber trotz allem verstehen sie
sich. Wunderbar geschrieben und sehr treffend. Ich könnte auch hier den ganzen Abschnitt
zitieren, es sind so einleuchtende und tolle Sätze, die kurz und knapp bis ins
Mark treffen.
Und je weiter ich las, desto
überzeugter war ich von diesem Buch. Es wird als schwarzhumoriger Roman
beschrieben und ich habe auch oft schmunzeln müssen. Aber es regt sehr zum Nachdenken an. Und auch
nach Tagen lässt mich das Buch nicht los.
Der Schreibstil vom Borgstil zu flüssig ändert sich, als Niklas in
eine Art Wartesaal muss, weil das System über eine Anfrage nachdenken muss. Dieser
Teil unterscheidet sich sehr von der übrigen Geschichte und hier zeigt der
Autor, dass er nicht nur wie ein Borg schreiben, sondern auch wunderbar
menschlich erzählen kann.
Das Cover hat mir sehr gut
gefallen, es ist eine Illustration des klassischen Todes, der ein Kind zur
Fähre führt. Minimalistisch aber aussagekräftig.
Der Autor hat noch vier Krimis geschrieben, dies ist sein erster Ausflug in die Fantasy. Ein gewagter aber gelungener Schritt mit einem Thema, das uns im Alltag begleitet, mit dem wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen und dem niemand entgehen kann.
Fazit:
Ein Buch, dass mich völlig
überrascht hat. Kein leichtes Thema, das Jürgen Will aber mit einem
stillen, teilweise bösem Humor angeht und das zum Nachdenken anregt. Genau so
sollte ein Buch sein. Wer also einmal über den Tellerrand schauen und sich auf
etwas Neues einlassen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.
Autor: Jürgen Will
Verlag: BoD, TB, 296 Seiten
ISBN: 9783695716852

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