25 April 2026

Der Tod ist auch nur ein Mensch von Jürgen Will

S.E.N.S.E bedeutet „sofortige Entnahme neuer Sterbender Einheiten. Der Tod muss pünktlich, genau und effektiv sein. Rational, ohne sich über die Sterbenden Gedanken zu machen. Sein Job ist es, die Sterbenden zu begleiten und zu führen. Nichts sonst. Als der Tod, der Niklas Berger zugeteilt wird, aufgrund eines Bandenscheibenvorfalls ineffizient wird und seinen Auftrag nicht, wie sonst, korrekt und zeitnah ausführen kann,  wird er seines Amtes enthoben. Es muss schnellstmöglich ein Ersatz her, denn die Entnahme duldet keinen Aufschub und keine Verzögerung. Also was liegt näher, als Niklas Berger den Job zu übertragen?  Niklas liegt in Koma und ist somit der ideale Kandidat für die vakante Stelle. Natürlich wird er nicht gefragt, ob der den Job überhaupt annehmen möchte, eine Ablehnung führt zu einem sofortigen Übergang.
Also bleibt Nicklas nichts anderes übrig, als die Aufgabe zu übernehmen. Widerwillig, noch voller Emotionen und mit der Hoffnung, dass er eines Tages aus seinem Koma erwachen kann.
 
Kommentar:
Mir fällt es schwer, zu diesem Buch etwas zu sagen. Während des Lesens hatte ich immer den Gedanken im Kopf: Das ist wie bei den Borg. Kurze, knappe Sätze, die keinen Spielraum offen lassen für Gefühle oder eigene Gedanken. 
 
Hier ein Beispiel, das es verdeutlicht:
Support: „Der Übergang ist terminiert.“
NIklas: „Dann verschiebt den Endpunkt.“
Support: „Endpunkte sind nicht verhandelbar.“

Oder: "Emotionale Interferenzen wurden festgestellt."

 

Das System redet kurz und knapp. Eine Diskussion ist nicht möglich. Es agiert und reagiert völlig rational, menschliche Gedanken und Gefühle kann es nicht nachvollziehen.
Niklas erster Kandidat ist der kleine Jonas, gerade mal 9 Jahre alt. Niklas versucht alles, um den Tod des Kindes abzuwenden, doch er hat keine Chance. Seine Einwände sind nicht relevant für den gesetzten Endpunkt. Die Antwort lautet stets: “Die Durchführung ist terminiert.“
Mich hat die Schreibweise von Jürgen Will zuerst irritiert. Aber sie ist konsequent und der Geschichte entsprechend auch logisch. Ausnahmen sind nicht vorgesehen, dass Schicksal eines jeden Einzelnen muss seinen Lauf nehmen.
Mit der Zeit eignet sich Niklas diese knappe Sprechweise an, bis Alina ihm als Co-Vollzugsassistentin zugewiesen wird. Die junge Frau hinterfragt das ganze System, wie auch zuvor Niklas Berger. Und sie gibt nicht so schnell auf, zeigt Mitgefühl und interagiert mit den ihr zugewiesenen Kandidaten. Damit steht sie kurz vor der endgültigen Terminierung.
Ihr Schicksal hat mich nachdenklich gemacht, denn Jürgen Will hat hier ein aktuelles Thema unserer Zeit aufgenommen. Ich zitiere nochmals:
 
Alina: „ Ich wollte nicht alleine sein……sobald ich online war, hatte ich das Gefühl, ich existiere. Wenn Leute kommentiert haben, dachte ich, ich werde gesehen. Aber wenn ich das Smartphone weggelegt habe, war es still. Dann war da nichts:“
 „Ich dachte, wenn ich wichtig genug wirke, bin ich es irgendwann.“
 „Klicks sind keine Freunde,“ sagte Niklas ruhig.
 
Diese Szene verdeutlich ziemlich genau die Situation vieler Jugendlicher der heutigen Zeit. Ich bin Ü60 und habe eine intensive Jugend ohne PC und Smartphone erlebt. Mich erschreckt teilweise, wenn ich sehe und erlebe, wie abhängig die Menschen heute von diesem kleinen Gerät und von social media sind. Die ihre Freizeit mit nichts auszufüllen wissen, die teilweise völlig isoliert leben und mit dem Handy mit der Außenwelt interagieren.
Und obwohl Alina zuerst oberflächlich wirkt, sie sie meines Erachtens das Herz dieses Buch, denn sie versucht, sich und das System zu ändern. Doch etwas, das Jahrtausende lang funktioniert hat, hat kein Verlangen nach Veränderung.
 
Eine Szene zwischen einem Priester und Alina hat mir auch sehr gut gefallen. Beide sprechen eine völlig andere Sprache, sie eine Jugendsprache mit neuen Begriffen, er die Sprache Gottes -  aber trotz allem verstehen sie sich. Wunderbar geschrieben und sehr treffend.  Ich könnte auch hier den ganzen Abschnitt zitieren, es sind so einleuchtende und tolle Sätze, die kurz und knapp bis ins Mark treffen.
Und je weiter ich las, desto überzeugter war ich von diesem Buch. Es wird als schwarzhumoriger Roman beschrieben und ich habe auch oft schmunzeln müssen.  Aber es regt sehr zum Nachdenken an. Und auch nach Tagen lässt mich das Buch nicht los.
Der Schreibstil vom  Borgstil zu flüssig ändert sich, als Niklas in eine Art Wartesaal muss, weil das System über eine Anfrage nachdenken muss. Dieser Teil unterscheidet sich sehr von der übrigen Geschichte und hier zeigt der Autor, dass er nicht nur wie ein Borg schreiben, sondern auch wunderbar menschlich  erzählen kann.
Das Cover hat mir sehr gut gefallen, es ist eine Illustration des klassischen Todes, der ein Kind zur Fähre führt. Minimalistisch aber aussagekräftig. 
Der Autor hat noch vier Krimis geschrieben, dies ist sein erster Ausflug in die Fantasy. Ein gewagter aber gelungener Schritt mit einem Thema, das uns im Alltag begleitet, mit dem wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen und dem niemand entgehen kann.  
 
Fazit:
Ein Buch, dass mich völlig überrascht hat. Kein leichtes Thema, das Jürgen Will aber mit einem stillen, teilweise bösem Humor angeht und das zum Nachdenken anregt. Genau so sollte ein Buch sein. Wer also einmal über den Tellerrand schauen und sich auf etwas Neues einlassen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.
 
Verlag: BoD, TB, 296 Seiten
ISBN: 9783695716852

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