09 Februar 2020

Transfusion von Jens Lubbadeh


https://www.randomhouse.de/Paperback/Transfusion-Sie-wollen-dich-nur-heilen/Jens-Lubbadeh/Heyne/e551370.rhd
Mark Jacobs und Iliana Kornblum haben es geschafft. Nach jahrelangen Forschungen haben sie ein Heilmittel gegen Alzheimer entdeckt. Der Pharmakonzern Astrada bringt das Medikament Namens »Bimini« den Markt und scheffelt Millionen. Doch damit nicht genug. Die Forschungen an dem Medikament lassen erkennen, dass es, bei entsprechender Modifizierung, auch für andere Krankheiten anwendbar ist.
Als im Hamburger Hafen ein Container untersucht und darin die Leichen von fünf indischen Mädchen entdeckt werden, scheint es zuerst keinen Zusammenhang zwischen dem Pharmakonzern und den Leichen zu geben. Zwar halten alle der fünf Opfer ein Kuscheltier von Astrada im Arm, doch diese Spielzeuge werden überall auf der Welt als Werbemittel verteilt. Gerade in den ärmeren Länder ist der Konzern angeblich karitativ tätig
Die Reaktionen des Vorstands und ihres Kollegen Mark wecken allerdings Zweifel in Iliana. Als sie beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen, bringt sie sich und ihre Familie in große Gefahr. Und auch wenn ihr eigener Vater an Alzheimer erkrankt ist, möchte die junge Forscherin wissen, ob das Medikament in der Herstellung ethisch und moralisch einwandfrei ist.

Kommentar:
Dieses Buch ist der dritte Roman des Autors Jens Lubbadeh und wie die vorherigen beiden Bände, greift der Autor hier ein brisantes Thema auf, das den Leser sehr nachdenklich stimmt. Obwohl es sich um einen Science Fiction Thriller handelt, bekommt der Leser das Gefühl, dass diese Ereignisse hier und jetzt stattfinden. Sie sind absolut glaubhaft und überzeugend geschildert und ich war stellenweise fassungslos. Ich habe mich bisher nie großartig damit befasst, wo die Medikamente herkommen, die mir verschrieben werden aber dieses Buch zwingt einen zum umdenken.
Viele der beschriebenen Praktiken werden sicherlich genauso heute angewendet. Die geschilderten Experimente mit den Mäusen fand ich unendlich grausam. doch das ist nur der Anfang einer unglaublichen Kette an Grausamkeiten. Wie Iliana, kommen dem Leser hier moralische Zweifel. Die Moral gebietet, dass man diese Art der Forschung strikt ablehnt. Ab was ist, wenn man selber an einer bisher unheilbaren Krankheit leidet und plötzlich die Rettung in Form einer kleinen Tablette oder einer Spritze vor einem liegt? Hat man die Kraft, dieses Heilmittel abzulehnen, weil die Herstellung zweifelhaft ist? Wenn ich die Geschichte lese bin ich entrüstet, voll Zorn und Abscheu aber kann ich diese Gefühle aufrecht erhalten, wenn mein Leben von diesem Mittel abhängt? Ilianas Vater ist an Alzheimer erkrankt. Sie hat miterlebt, wie seine Erinnerungen immer mehr verblassen bis er seine eigene Tochter nicht mehr erkennt. Und sie hat gesehen, wie »Bimini« bei ihrem Vater wirkt. Wie seine Erinnerungen widerkehren, er agiler und jünger wirkt als vor seinem Verfall und wieder ein eigenständiges Leben führen kann. Sie ist stolz auf ihre Arbeit und sie schätzt ihren Kollegen Mark Jacobs ungemein. Er ist der Leiter der Forschungsabteilung und sie vertraut ihm blind. So blind, dass sie nicht weiß, was genau die Bausteine dieses neuen Medikaments sind.
Für die Erforschung und Entwicklung von »Bimini« hat sie ihre Ehe geopfert, sie hat kein Privatleben mehr, nur ihre Tochter Marie verbindet sie noch mit einem realen Leben.
Als die Vorwürfe gegen den Konzern Astrada immer heftiger werden, spürt die kleine  Marie als Erste deren Auswirkungen. Der Kindergarten lehnt ihre weitere Betreuung ab, der Mutter wird nahe gelegt, sich eine andere Kindertagestätte zu suchen. Die Tochter der Mitarbeiterin einer Firma, die für den Tod von fünf Kindern verantwortlich ist, ist unerwünscht.
Zum Glück unterstützt ihr Ex-Mann Philipp die junge Mutter, so dass sich Iliana ganz ihren Nachforschungen widmen kann. Und was sie herausfindet ist für sie unfassbar. Ihr Glaube, ihre Überzeugungen und ihr Vertrauen in die Firma werden in Frage gestellt. Obwohl sie die Beweise mit eigenen Augen sieht, kann sie die Verwerflichkeit des Handels von Mark Jacobs und dem Vorstand nicht glauben.  
Der Autor beginnt seinen Roman harmlos und durchaus positiv. Ein Erfolg wird gefeiert, wir erleben mit, wie der Großvater seine Enkelin betreut, ein Ereignis, dass vor seiner Behandlung nicht möglich gewesen wäre. Auch wir als Leser möchten zuerst nicht glauben, dass ein Zusammenhang zwischen den toten Mädchen und dem Konzern besteht. Wie in Iliana, regen sich auch in uns erste Zweifel. Der Autor schafft es, den Leser in Atem zu halten und den Spannungsbogen kontinuierlich zu erhöhen. Um die Geschichte so eindringlich zu schildern, sind die Charaktere sehr genau in gut und böse eingeteilt. Es geht dem Vorstand schon lange nicht mehr um ein Heilmittel, es zählt lediglich der Gewinn, wie dieser zustande kommt, ist den Männern und Frauen an der Spitze egal. Mark Jacobs sieht den Nobelpreis in greifbarer Nähe, »Bimini« ist für ihn nur das Sprungbrett zu einem weit größeren Erfolg. Dafür geht er sprichwörtlich über Leichen. Bei Iliana vollzieht sich allerdings ein charakterlicher Wandel. Sie, die nur für ihre Arbeit gelebt und alles andere ignoriert hat, wacht auf.  Und es ist ein grausames Erwachen. Die stille, ruhige Frau muss lernen zu kämpfen und sie muss sich die Frage stellen, ob sie die Konsequenzen ihren Handels tragen möchte, nein, tragen kann. Ihr innerer Konflikt wird von Jens Lubbadeh sehr eindringlich, überzeugend und glaubhaft geschildert. Sie mutiert nicht innerhalb von Sekunden von einer naiven Forschungsassistentin zu einer glühender Verfechterin gegen die Praktiken der Medienkonzerne. Immer wieder muss sie sich fragen, ob das Ergebnis der Forschungen nicht die Mittel rechtfertigt, die zu diesem Ergebnis führen. Ein Dilemma, an dem die junge Frau fast zerbricht.
Obwohl es sich um einen Wissenschafts-Thriller handelt, ist die Geschichte gut verständlich und nachvollziehbar. Es ist sicherlich von Vorteil, dass der Text hier unter keiner Übersetzung leiden muss.
Leider ziehe ich wegen dem Ende des Buches einen Stern ab. Nach dem wirklich gelungenen Spannungsaufbau wird der Leser etwas in der Luft hängen gelassen. Es gibt einen Bruch und es folgt ein Epilog, der Jahre später spielt. Man möchte schon erfahren, was aus Klaus Merten und seinen Leuten wird und wie sich Iliana letztendlich entscheidet.  Da hätten ein paar Seiten mehr, als die 380 vorhandenen, der Erzählung gut getan. Den Epilog empfinde ich nicht als ausreichend. Es wäre noch interessant zu erfahren, was das Bild auf dem Cover darstellen soll.
Trotz allem ein spannendes Buch, dass ich jedem Leser unbedenklich empfehlen kann. Leicht und flüssig geschrieben und absolut überzeugend. Ich bdenake mich für das Rezensionsexemplar. Mein Beitrag ist keine Werbung sondern meine subjektive Meinung zu diesem Buch.
Manuela Hahn hat das Buch mittlerweile auch gelesen. Hier ihre Rezension dazu.
Titel: Transfusion
Verlag: Heyne, TB, 380 Seiten
ISBN: 9783453320086

2 Kommentare:

  1. Hallo liebe Petra,

    ziemlich abgefahren, aber durchaus realistisch....wenn man zur Zeit "diese Aktion um ein Medikament" mitbekommt ....das es nur per Verlosung gibt....

    Arme Eltern...arme Gesellschaft...LG..Karin..

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  2. ich fand einige Schilderungen sehr, sehr erschütternd. Aber wo bleibt die Moral wenn es ums nachte Überleben geht?

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