10 September 2017

Ein Rezensent hat es manchmal schwer

Es gibt Bücher, die lesen sich fast von alleine und man verschlingt sie förmlich. Da fällt es einem einfach, eine ausführliche und gute Rezension zu schreiben. Manchmal muss man sich sogar bremsen, damit die Begeisterung nicht mit einem durchbrennt.

Aber manchmal bekommt man Bücher, die stellen einen vor große Herausforderungen und man steht vor der Wahl: 
Rezensieren? 
Ehrlich rezensieren? 
Oder es lieber bleiben lassen und den Autor informieren? 
Wa schreibt man dem Autor?
Die ehrliche Meinung mit der Auflistung der Gründe?
Wird er die Kritik vertragen und damit umgehen können?
Wird man ihn demotivieren?

Fragen über Fragen, die mich beim Lesen des Buches: Der letzte seiner Art von Anna Kleve beschäftigt haben. Das Buch habe ich auf Seite 98 abgebrochen, obwohl die Geschichte durchaus Potenzial hatte.

Ich habe mich für eine sehr ehrliche und ausführliche Kritik entschieden, ihr eine Liste mit den Fehlern zukommen lassen und noch meine Meinung geäußert. Jetzt denke ich schon länger darüber nach, ob diese Kritik fair war und ob ich es nich einfach hätte bleiben lassen sollen.

Hier macht sich schon der Altersunterschied bemerkbar. Die saloppe Sprache, der teilweise merkwürdige Satzbau und die Fehlerquote haben mich während des Lesens immer wieder aus dem Konzept gebracht. Vor lauter Notizen machen, kam ich überhaupt  nicht in die Geschichte hinein. Auf die korrekte Kommasetzung lege ich schon lange keinen Wert mehr. Hier war es teilweise aber so, dass ohne das Komma der Sinn der Sätze erst nach mehrmaligen lesen oder nach einer lauten Aussprache, klar wurde. Dazu kam, dass teilweise Wörter oder auch Satzfragmente gefehlt haben oder falsch geschriebene Wörter dem Ganzen eine andere (sinnlose) Bedeutung gaben.
(Bsp: ..dann war das ebenso...statt....dann war das eben so...)

Jetzt habe ich mir die Rezensionen zu dem Hörbuch durchgelesen, die durchweg gut waren. Ich denke, dass ein Vorleser diese ganzen Fehler einfach überliest. Man liest austomatisch etwas richtig vor, auch wenn am Wort Buchstaben fehlen oder Wörter in den Sätzen fehlen. Diese werden schlichtweg mit vorgelesen, obwohl sie dort nicht stehen. Man merkt garnicht, dass sie fehlen, weil das Hirn die Sätze vervollstäändigt, so wie sie sein sollten. Daher denke ich, eine 5 Sterne Bewertung bei dieser Geschichte als Hörbuch, ist durchaus angebracht.

Die Idee ist gut, die Protagonisten sehr lebendig beschrieben und man fühlt förmlich die knisternde Spannunf zwischen den Beiden.

Nur..beim lesen der gedruckten Ausgabe erschließt sich einem dies alles nicht.  Ich habe mich für das Medium Buch entschieden. Natürlich ist es ein Rezensionsexemplar, ich hatte keine Kosten. Aber was ist mit den Lesern, die, wie ich, das gedruckte Wort bevorzugen und Wert auf eine schöne Sprache legen? Halte ich mich mit meiner Kritik zurück und gebe, trotz der Mängel, eine gute Bewertung, ist das ja auch eine Art Irreführung. Viele Leser schauen sich die Rezensionen an und entscheiden sich danach für oder gegen ein Buch. Ich mache das ebenso und erwarte eine ehrliche Meinung, gehe somit davon aus, dass es andere Leser auch so machen.

Was ist nun fair? Keine leichte Frage und keine leichte Entscheidung aber ich habe für mich entschieden, meine Meinung offen zu äußern. Ich habe auch gerade eine 5 Sterne Rezension zu einem Buch gelesen, dass ich ebenfalls sehr schlecht fand. Es war voller Logiklöcher und vermittelte ein wirklich abstruses Frauenbild. Aber andere Leser sehen das anders und nur eine Vielzahl von Rezensionen vermittelt somit einen Gesamteindruck.

Wie haltet ihr das? Seid ihr in eurer Beurteilung zurückhaltender, wenn es sich um ein Rezensionsexemplar handelt? Befürchtet ihr, den Verlag oder den Autoren zu verprellen? Was ist ehrlich, was ist fair, was ist angemessen?

Kommentare:

  1. Hallo Petra,

    ich finde ehrliches Feedback immer am besten. Nur mit ehrlicher Kritik kann ein Autor was anfangen, wie er oder sie diese aufnimmt steht natürlich immer auf einem anderen Blatt Papier. Wenn man seine Kritik höflich und sachlich darlegt, kann es doch auch für einen Autor/Autorin durchaus hilfreich und bereichernd sein.

    Viele Grüße
    Kerstin

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  2. ich denke, dass ältere und gereiftere Autoren mit Kritik besser umgehen können als junge Menschen. Manchmal denke ich, dass unsere Erziehung uns einfach beser auf die Härten des Lebens vorbereitet hat :)

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