10 August 2019

Cassies Geist - Moon Bird Band eins von Fabienne Siegmund


Gwen Farway und ihre Tochter Cassie leben Corbelle, einer Stadt, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich hat. Arbeitslosigkeit und Armut greifen um  sich, auf ihren Spuren folgen Dunkelheit und Gewalt.
Als Cassie brutal ermordet wird, bricht für Gwen eine Welt zusammen. Ein Leben ohne ihre Tochter scheint nicht lebenswert, nichts und niemand kann die junge Frau in ihrem Kummer trösten. Jeden Tag muss Gwen, auf dem Weg zu ihrer Arbeit, an der Laterne vorbei, unter der man die Leiche des Kindes gefunden hat. Eine Qual für die Mutter.
Eines Tages sieht Gwen einen Mondvogel diese Laterne umflattern und kurz darauf erscheint ihr der Geist ihrer kleinen Tochter. Plötzlich steht sie da, ihren kleinen Stoffelefanten Ollie in der Hand, gekleidet wie am Tag ihres Todes. Gwen zweifelt an ihrem Verstand und zunächst versucht sie, Cassie zu ignorieren. Aber das kleine Mädchen bleibt, denn es hat eine Aufgabe. Und bevor diese nicht erledigt ist, kann sie Corbelle nicht verlassen.

Kommentar:
Nach den ersten Seiten war ich etwas geschockt. Ich kenne
viele Geschichten von Fabienne Siegmund, die ich immer als melancholisch, verträumt und poetisch bezeichnen würde. Märchenhaft und wunderschön. Die brutale Vergewaltigung und Ermordung eines kleines Mädchens war ein Auftakt, mit dem ich nicht unbedingt gerechnet hatte. Und trotzdem nahm mich die Geschichte wieder vom ersten Satz an gefangen. Wie Fabienne es schafft, die Gefühle der trauernden Mutter zu schildern, berühren den Leser im Innersten. Ein Kind zu verlieren, ist wohl das schrecklichste Ereignis im Leben eines Menschen. Darüber zu schreiben, ist sicher nicht leicht. Die Autorin hat das Talent, Freude,  Tragik, Trauer oder andere Gefühle in einer Weise zu schildern, dass man sie fast selber fühlt, Teil der Geschichte wird, statt sie nur zu lesen.
Obwohl die Erzählung sehr traurig beginnt, wandelt sie sich nach und nach und mit dem Erscheinen des Geistes kommen phantastische Elemente hinzu. Zuerst mag Gwen nicht glauben, dass Cassie wieder da ist. Ihr Verstand sagt ihr, dass es sich um ein Trugbild handelt, ihr Herz akzeptiert jedoch schnell die Erscheinung und bald leben Mutter und Tochter wie früher miteinander. Schon bald wird allerdings deutlich, dass Cassies Anwesenheit einen Grund hat. Sonderbar ist, dass niemand außer ihr das kleine Mädchen sehen kann. Nicht Ryan, ihr Nachbar, mit dem Mutter und Tochter viel Zeit verbracht haben und auch nicht Arthur, Gwens Vorgesetzter und Freund, der ihr ein Trost in diesen schweren Stunden ist.  
Band eins besteht aus lediglich 61 Seiten. Es ist unfassbar, wie viel Fabienne Siegmund in diese 61 Seiten packen kann, Andere AutorrInnen schaffen das nicht auf 500 Seiten. 
Ergreifend beginnt es schon auf Seite drei mit folgendem Satz: " Es heißt, wo das Lachen eines Kindes stirbt, kann kein Glück mehr sein," oder auch von Seite acht: "Der Mond ist die Sonne der traurigen Menschen, hatte sie mal gehört."
Ich habe keine Ahnung, wie Fabienne Siegmund diese wundervollen, sehr ausdrucksstarken und immer passenden Sätze findet, die genau auszudrücken, vermögen, was ein Mensch in der jeweiligen Situation empfindet. Gwens Trauer, als das Kind stirbt. Ihre Ohnmacht, ihr Verstecken vor der Welt und ihre Angst vor der Anteilnahme der anderen Menschen. Eine Anteilnahme, welche die Tiefe ihrer Trauer nicht erreichen kann. Die Menschen ihrer Umgebung möchten weiter leben, die Schwere der Trauer hinter sich lassen und mit dem Verlust abschließen. Gwen kann das nicht. Und als Cassie dann plötzlich als Geist wieder da ist, geht das natürlich nicht mehr.
Und obwohl Cassie diejenige ist, die ihrer Mutter hilft, den Verlust halbwegs zu überwinden, kann das Mädchen eines nicht: Ihr den Namen des Mörders verraten. Immer mehr tote kleine Mädchen werden gefunden und es verschwinden auch immer mehr Kinder, ohne das jemals wieder eine Spur von ihnen gefunden wird. Mit Hilfe ihrer Tochter beginnt Gwen, nach dem Mörder ihrer Tochter und den Entführern der Kinder zu fahnden. Diese Suche gibt ihr Kraft, wieder zu leben und sich langsam ihren Mitmenschen zu öffnen.
Diese Wandlung verfolgt der Leser sehr aufmerksam. Sie ist glaubhaft und überzeugend, nichts wirkt an den Haaren herbei gezogen, es gibt keine überraschenden Wendungen, die Geschichte rollt sich nach und nach auf.
Wer, wie ich, schon etwas älter ist, kann sich sicher noch an die Heftchenromane am Kiosk erinnern, auf die man Woche für Woche gewartet hat. Lektüre für kleines Geld. In ähnlicher Weise veröffentlicht Fabienne Siegmund ihre Geschichte. Der Preis beträgt 3,99 Euro, das mag zuerst viel erscheinen aber der Inhalt ist jeden Cent wert. Das Cover ist in dezenten Farben gehalten und etwas stabiler, als bei den gewöhnlichen Heftromanen. Die im Heft enthaltenen Hinweise (Werbung mag ich es nicht nennen, das klingt zu negativ) passen zu dem Genre und sind sehr dezent gehalten. Die Seiten sind leicht grau schattiert umrandet und somit setzt sich diese Geschichte auch optisch von den anderen Kioskheftchen ab.
Alles in allem hat der Leser mit Moon Bird Band 1, Cassies Geist, ein wundervolles Kleinod in der Hand und ich kann es kaum erwarten, den zweiten Band in der Hand zu halten.
Titel: Cassies Geist
Reihe: Moon Bird Band eins
Autor: Fabienne Siegmund
Verlag: Selfpublishing
ISBN: Keine

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