21 Januar 2026

Die Stadt der tausend Treppen - die göttlichen Städte Band 1 von Robert Jackson Bennett

Die Festländer sind ein Volk, dass stets in der Gunst der Götter stand. Herrliche Städte und großer Reichtum waren das Resultat. Die Götter griffen mit ihren Mirakeln in das Leben der Menschen ein und nahmen deren Verehrung mit große Gesten an.
Saypur ist ein Land ohne Götter. Nie hat sich dort ein göttliches Wesen gezeigt und den Menschen geholfen. Für die Festländer ein Beweis, dass die Saypuri keine vollwertigen Menschen sind und nur als Sklaven taugen. Das Volk wird grausam unterdrückt, die Strafen für Rebellion sind drakonisch und auch kleine Kinder werden von einer Todesstrafe nicht verschont.
Das ändert sich, als ein Saypuri eine Waffen entwickelt, mit der man die Götter töten kann. Und mit dem Tod der Götter schwindet die Macht der Festländer.
Nach der Eroberung durch die Saypuri folgt ein Säkularisierungsgesetz, das alles Göttliche verbietet. Die  Statuen und Tempel werden vernichtet, die Namen der Götter ausgemerzt und jedem, der den Namen eines Gottes in den Mund nimmt, droht eine Strafe.
Die historischen Artefakte der Festländer werden in einem geheimen Lagerort eingesperrt, Dokumente, Unterlagen, verzauberte Gegenstände und das Wissen um ihren Zweck, einfach alles. Den Festländern wird somit ihre Vergangenheit geraubt. Sie sollen in die Zukunft schauen. Doch ein Volk ohne Vergangenheit hat keine Zukunft. Die Festländer vegetieren dahin und im geheimen wächst der Widerstand gegen die Besatzer.
Als Dr. Efrem Pangyui nach Bulikov geschickt wird, um die Geschichte der Festländer zu erforschen und Zugang zu den Artefakten erhält, entfacht das den Zorn der Einheimischen. Während ihnen jegliche Erwähnung des Göttlichen verboten wird, darf nun ein völlig Fremder in ihrer Vergangenheit wühlen. Es dauert nicht lange, bis Dr. Pangyui ermordet wird. Die junge Diplomatin Shara Thivani wird nach Bulikov geschickt, um den Mord aufzuklären. Pangyui war ihr Mentor und Freund, eine verwandte Seele, die sich für die Geschichte und Religion der Festländer interessierte.
Shara passt nicht unbedingt zu den Diplomaten, die in Bulikov das Zepter führen. Sie ist intelligent und denkt viel nach. Sie ist der Ansicht, dass es unwürdig ist, ein Volk so zu unterdrücken, wie es Saypur mit den Festländern macht. Die Jahrhunderte währende eigene Unterdrückung sollte die Saypuri gelehrt haben, dass Knechtschaft nur zu Aufstand führen kann. Und Shara merkt schnell, dass es in Bulikov brodelt.
Zusammen mit ihrem Leibwächter Sigrud, einem Dreyling, beginnt sie mit ihren Nachforschungen und stößt schon bald auf einige Seltsamkeiten. Menschen, die Sigrud verfolgt, verschwinden plötzlich vor seinen Augen. Gegenstände tauchen auf, denen noch Zeichen des Göttlichen anhaftet. Und sie begegnet ihrem ehemaligen Mitstudenten Vohannes Vorkov, der sehr an einer Zusammenarbeit mit Saypur interessiert ist und der hofft, dass Shara ihn bei seinen Bemühungen unterstützt, sein Volk in eine bessere Zukunft zu führen. Aber schon bald weiß Shara nicht mehr, ob sie ihrem ehemaligen Freund vertrauen kann.
Erwähnenswert ist auch noch Generalin Turyin Mulagesh, eine Veteranin der Befreiungskriege, die nun den Militärstützpunkt in Bulikov leitet. Sie ist fasziniert von Sharas offener und fordernder Art. Shara kenne keine Grenzen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat zieht sie es durch, ungeachtet der Gefahren für sich selbst. Sie ist überzeugt davon, dass man den Festländern ihre Würde zurückgeben und bei dem Wiederaufbau der Städte und der Infrastruktur helfen muss. Ein nobles Ansinnen, das bei vielen Saypuri auf Unverständnis stößt, welches die Generalin aber verstehen und unterstützen kann. Doch sie merkt schnell, überall wo Shari auftaucht entsteht Chaos und Gefahr.
Auch heute noch gibt es Völker, die über Jahre unterdrückt wurden und heute selber die Unterdrücker und Kriegstreiber sind.
Zu Beginn hatte ich etwas Probleme in die Geschichte zu finden. Vor allem die Namen der Menschen und Götter sind sehr schwierig zu merken und es gibt leider keine Übersicht oder ein Glossar. Doch wenn man erst einmal in dieser spannenden Geschichte versunken ist, mag man nicht mehr aufhören. Sie ist anders, als ich es erwartet hatte. Einerseits wirkt sie modern, auf der anderen Seite dann doch eher wie Steampunk. Die Festländer verfügten über die Mirakel der Götter, so dass sie keinerlei Forschung und Entwicklung betrieben haben. Das Wetter wurde von den Göttern als angenehm gestaltet, wenn etwas gebraucht wurde, hat man die Götter darum gebeten und die Götter gewährten es. Die Saypuri wurden dazu verdonnert, Landwirtschaft zu betreiben und alles zur Annehmlichkeit der Festländer beizutragen. Dazu gehörten auch technisches Wissen und die dazugehörigen  Errungenschaften. Strom, Eisenbahnen, landwirtschaftliche Maschinen und vieles mehr wurde in Saypur über die Jahre entwickelt, alles zum Nutzen der Festländer. Als es dann zum Umsturz und dem Tod der Götter kam, versank das Festland in ein finsteres Mittealter, während Saypur plötzlich wie eine Sonne am Himmel erstrahlte. Mit ihrem Wissen, dass sie nun ungehindert nutzen konnten, erreichten sie einen Höhepunkt der Zivilisation.
Sehr gut gefallen haben mir die historischen Einführungen vor den Kapiteln, in denen man viel über die Vergangenheit, die Ursache und Entwicklung des Krieges und über die Götter erfährt. Diese kleinen Abschnitte sind fast noch spannender als die eigentliche Geschichte.
Je weiter die Geschichte fortschritt, desto mehr nahm sie mich gefangen. Shara ist eine faszinierende Frau, die sich intensiv mit der Geschichte der Festländer befasst hat. Daher erkennt sie schnell, dass in Bulikov nicht alles mir rechten Dingen zugeht. Je mehr sie und Sigrud nachforschen, desto größer ist die Gefahr, in der sie sich befinden. Dessen ungeachtet, gibt die junge Frau aber nicht auf und stößt nach und nach auf die tief verborgenen Geheimnisse der Stadt. Und so, wie Sharah fasziniert und überrascht ist, so ist es auch der Lesende. Der Autor hat hier eine faszinierende Welt geschaffen, in der die Götter noch wirklich sind und in das tägliche Geschehen eingreifen. Doch er stellt auch einige philosophischer Fragen, die zum Nachdenken anregen, Wenn man sieht, was auch heute noch im Namen der Religion für abscheuliche Taten verübt werden, sind diese Fragen durchaus berechtigt. 
Sprachlich bewegt sich das Buch auf einem sehr hohen Niveau und meine Achtung gilt der Übersetzerin, die dieses Niveau auch in unseren Sprache beibehalten hat. Ich musste tatsächlich einige Wörter nachschlagen wie zum Beispiel Nepotismus aber auch das machte den Reiz des Buches aus. Lesen soll ja auch bilden.  
 
Fazit:
Überraschend anders und sehr spannend. Zwei Zivilisationen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, die aber einen Weg zur Zusammenarbeit finden müssen. 
 
Titel: Die Stadt der tausend Treppen
Reihe: Die göttlichen Städte Band 1
Autor: Robert Jackson Bennett
Verlag: Bastei Lübbe, TB, 620 Seiten
ISBN: 9783404208616

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