Die junge Dorothea Ellingsford hat ein Jahr bei ihrer Tante,
Mrs. Roover, in Chicago verbracht. Nun hat ihr Vater, Lord Ellingsford,
Dorothea zurück nach London beordert. Die Rückreise verdunkelt das Gemüt des
jungen Mädchens, sie scheint Angst vor einer Rückkehr in ihre Heimat zu haben.
Was Dorothea noch nicht weiß - ihre beste Freundin Estelle
wurde in London brutal ermordet. Weil Mrs. Roover Angst um das junge Mädchen
hat, bittet sie die Detektivin Celeste Summersteen, ihre Nichte nach London zu
begleiten. Da Celeste gerade Ärger mit ihren Vorgesetzten in der Pinkerton Agentur
hat, bietet eine Reise nach London einen Ausweg aus ihrer Misere. Außerdem hat
sie Dorothea ins Herz geschlossen und möchte herausfinden, wer Estelle ermordet
hat.
Als sie in London ankommen, stellt sich heraus, dass
Estelle nicht das einzige Opfer ist. Inspector Edwards, der die Ermittlungen
leitet, ist nicht gerade erfreut über die Einmischung eines amerikanischen
Weibsbildes in seine Ermittlungen. Doch Celeste kommt an Orte, die ein Mann
nicht betreten kann und bringt Mädchen zum Sprechen, die einem Mann nicht
vertrauen. Die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere raufen sich mühsam
zusammen und kommen nach und nach einem grausigen Verbrechen auf die Spur.
Ich habe „die Einkreisung“ und „Engel der Finsternis“ von
Caleb Carr schon mehrmals gelesen und habe auch gerade die TV Verfilmung dazu
gesehen. Ich mag die Serie „Ripper Street“ und „Copper“ und bin immer auf der
Suche nach vergleichbaren Krimis, die in London im 19. Jahrhundert spielen.
Nathan Winters Roman spielt 1877.
Die Schere zwischen arm und reich ist immens.
Frauen spielen in der Gesellschaft keine Rolle, sie sind lediglich Vorzeigepüppchen,
gute Gastgeberinnen und Gebärmaschinen.
Inspector Edwards ist ein Mann der alten Traditionen. Er
ist ein Einzelgänger. Dickköpfig und kompromisslos. Sein Spitzname lautet "Bull" und wie ein Bulle benimmt er sich auch oft. Als die Leiche von Madame
Yin gefunden wird, übernimmt er den Fall und findet bald Zusammenhänge zu dem
Mord an dem Mädchen Estelle.
Doch wie kann das sein? Estelle ist eine Tochter
aus guten Hause, Madame Yin eine Kriminelle und Puffmutter. Je tiefer er in den
Fall eindringt, desto suspekter erscheinen ihm die Zusammenhänge.
Da hilft es auch nicht, dass ein emanzipiertes, amerikanisches
Weibsbild auf der Bildfläche erscheint und sich in seine Ermittlungen
einmischen will. Doch Celeste hat alle Trümpfe in der Hand und so wird Edwards
durch seine Vorgesetzten gezwungen, Celeste mit einzubeziehen. Das macht er
natürlich auf seine Weise und legt der jungen Frau Steine in den Weg, wo er nur
kann. Aber auch Celeste ist nicht
ehrlich zu dem Inspector. Sie ahnt, dass Dorothea ihr etwas verschweigt und
Zusammenhänge kennt, die sie nicht preisgibt. Das Mädchen fällt immer mehr in tiefe
Verzweiflung, in einen Angstzustand, so dass Celeste Angst um Dorothea bekommt.
Dass deren Vater ein Tyrann ist, der nur auf seinen guten Ruf achtet und jeden
Hauch eines Skandals vermeiden möchte, ist nicht hilfreich.
Die Kapitel sind jeweils mit Datum, Ort und Zeitangabe versehen, so wissen wir als Lesende immer sofort, zu welchem Teil der Ermittlungen wir wechseln und wir wissen mehr, als Edwards oder Celeste. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch.
Wer nun eine sich anbahnende Romanze zwischen Celeste und
Edwards erwartet, wird enttäuscht werden. Ich bin froh, dass Nathan Winters
dieser Versuchung nicht nachgegeben hat. Der gegenseitige Respekt und die Freundschaft,
die sie nach und nach füreinander entwickeln ist wesentlich glaubhafter. Daher
verstehe ich nicht, dass dieses Buch jetzt als Schmuckausgabe im Drachenmond
Verlag erscheint. Die Geschichte ist sehr brutal, teilweise verstörend und der
Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Gewalt geht. Es handelt sich
nicht um einen soften Krimi mit einem Happy End für die Protagonisten, wie man
es bei Büchern des Verlages vielleicht gewohnt ist. Ich bin gespannt auf die Tropes, die zu diesem Buch dann genannt werden.
Leider weist das Buch einige Fehler auf. Ich dachte erst,
es läge vielleicht an der Übersetzung aber der Autor ist ein Deutscher. Ich
hoffe, dass diese Fehler in der Schmuckausgabe ausgemerzt werden und die
Geschichte vorher überarbeitet und lektoriert wurde.
Die Fehler haben der Spannung, der Handlung und der
Geschichte aber keinen Abbruch getan. Ich war von der ersten Seite an gefesselt
von dieser unangepassten und unbequemen jungen Frau, die versucht, das Rätsel
um den Mord an Estelle zu lösen. Sie ist eine der ersten weiblichen Detektive
bei Pinkerton und es nervt sie ungemein, dass sie nur Sekretariatsaufgaben
bekommt und niemand ihr zutraut, einen Fall zu lösen. Da Mrs. Roover schon
vorher mit Celeste zu tun und sie schätzen gelernt hatte, kommt für sie niemand
anders als Begleitung für ihre Nicht infrage.
In London merkt Celeste schnell, dass die Uhren noch etwas
anders ticken als in Amerika- Sie eckt mit ihrem forschen und kompromisslosen
Auftreten schnell überall an, vor allem bei Lord Ellingsford, der die junge
Frau am liebsten sofort nach Amerika zurückschicken möchte. Er beugt sich
jedoch den Wünschen seiner Tochter und seiner Frau.
Fazit:
Nathan Winters hat hier einen wirklich fesselnden viktorianischen
Krimi verfasst, der sich hinter den bekannten Namen wie Caleb Carr, Anne Perry
oder David Morell nicht verstecken muss, Er beschreibt das Leben im London des
19. Jahrhunderts sehr überzeugend und anschaulich.
Ich habe gesehen, dass es einen weiteren Band gibt und
werde ihn sicherlich lesen. Wer viktorianische Krimis und taffe Ermittlerinnen
mag, sollte hier zugreifen.
Autor: Nathan Winters
Titel: Das Geheimnis der Madame Yin
Verlag: Pro-Talk Crime (demnächst beim Drachenmond Verlag), TB, 408 Seiten
ISBN: 9783939990345 (neu
978-3691301861)
ok tropes von drachenmond gefunden
Enemies to Partners / Reluctant Partners
Grasping for Equality
Gritty Victorian / Gaslight Mystery
High Society meets Underworld
interessant, dass Dinge wie brutale Gewalt, sexuelle Handlungen, verstörende Szenen und brutale Morde etc. nicht erwähnt werden.


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