07 Oktober 2026

Das Geheimnis der Madame Yin von Nathan Winters

Die junge Dorothea Ellingsford hat ein Jahr bei ihrer Tante, Mrs. Roover, in Chicago verbracht. Nun hat ihr Vater, Lord Ellingsford, Dorothea zurück nach London beordert. Die Rückreise verdunkelt das Gemüt des jungen Mädchens, sie scheint Angst vor einer Rückkehr in ihre Heimat zu haben.
Was Dorothea noch nicht weiß - ihre beste Freundin Estelle wurde in London brutal ermordet. Weil Mrs. Roover Angst um das junge Mädchen hat, bittet sie die Detektivin Celeste Summersteen, ihre Nichte nach London zu begleiten. Da Celeste gerade Ärger mit ihren Vorgesetzten in der Pinkerton Agentur hat, bietet eine Reise nach London einen Ausweg aus ihrer Misere. Außerdem hat sie Dorothea ins Herz geschlossen und möchte herausfinden, wer Estelle ermordet hat.
Als sie in London ankommen, stellt sich heraus, dass Estelle nicht das einzige Opfer ist. Inspector Edwards, der die Ermittlungen leitet, ist nicht gerade erfreut über die Einmischung eines amerikanischen Weibsbildes in seine Ermittlungen. Doch Celeste kommt an Orte, die ein Mann nicht betreten kann und bringt Mädchen zum Sprechen, die einem Mann nicht vertrauen. Die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere raufen sich mühsam zusammen und kommen nach und nach einem grausigen Verbrechen auf die Spur. 
 
Kommentar:
Ich habe „die Einkreisung“ und „Engel der Finsternis“ von Caleb Carr schon mehrmals gelesen und habe auch gerade die TV Verfilmung dazu gesehen. Ich mag die Serie „Ripper Street“ und „Copper“ und bin immer auf der Suche nach vergleichbaren Krimis, die in London im 19. Jahrhundert spielen.
Nathan Winters Roman spielt 1877.   
Die Schere zwischen arm und reich ist immens. Frauen spielen in der Gesellschaft keine Rolle, sie sind lediglich Vorzeigepüppchen, gute Gastgeberinnen und Gebärmaschinen.
Inspector Edwards ist ein Mann der alten Traditionen. Er ist ein Einzelgänger. Dickköpfig und kompromisslos. Sein Spitzname lautet "Bull" und wie ein Bulle benimmt er sich auch oft. Als die Leiche von Madame Yin gefunden wird, übernimmt er den Fall und findet bald Zusammenhänge zu dem Mord an dem Mädchen Estelle. 
Doch wie kann das sein? Estelle ist eine Tochter aus guten Hause, Madame Yin eine Kriminelle und Puffmutter. Je tiefer er in den Fall eindringt, desto suspekter erscheinen ihm die Zusammenhänge.
Da hilft es auch nicht, dass ein emanzipiertes, amerikanisches Weibsbild auf der Bildfläche erscheint und sich in seine Ermittlungen einmischen will. Doch Celeste hat alle Trümpfe in der Hand und so wird Edwards durch seine Vorgesetzten gezwungen, Celeste mit einzubeziehen. Das macht er natürlich auf seine Weise und legt der jungen Frau Steine in den Weg, wo er nur kann. Aber auch  Celeste ist nicht ehrlich zu dem Inspector. Sie ahnt, dass Dorothea ihr etwas verschweigt und Zusammenhänge kennt, die sie nicht preisgibt. Das Mädchen fällt immer mehr in tiefe Verzweiflung, in einen Angstzustand, so dass Celeste Angst um Dorothea bekommt. Dass deren Vater ein Tyrann ist, der nur auf seinen guten Ruf achtet und jeden Hauch eines Skandals vermeiden möchte, ist nicht hilfreich.
Die Kapitel sind jeweils mit Datum, Ort und Zeitangabe versehen, so wissen wir als Lesende immer sofort, zu welchem Teil der Ermittlungen wir wechseln und wir wissen mehr, als Edwards oder Celeste. Das tut der Spannung aber keinen Abbruch. 
Wer nun eine sich anbahnende Romanze zwischen Celeste und Edwards erwartet, wird enttäuscht werden. Ich bin froh, dass Nathan Winters dieser Versuchung nicht nachgegeben hat. Der gegenseitige Respekt und die Freundschaft, die sie nach und nach füreinander entwickeln ist wesentlich glaubhafter. Daher verstehe ich nicht, dass dieses Buch jetzt als Schmuckausgabe im Drachenmond Verlag erscheint. Die Geschichte ist sehr brutal, teilweise verstörend und der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Gewalt geht. Es handelt sich nicht um einen soften Krimi mit einem Happy End für die Protagonisten, wie man es bei Büchern des Verlages vielleicht gewohnt ist. Ich bin gespannt auf die Tropes, die zu diesem Buch dann genannt werden.
Leider weist das Buch einige Fehler auf. Ich dachte erst, es läge vielleicht an der Übersetzung aber der Autor ist ein Deutscher. Ich hoffe, dass diese Fehler in der Schmuckausgabe ausgemerzt werden und die Geschichte vorher überarbeitet und lektoriert wurde.
Die Fehler haben der Spannung, der Handlung und der Geschichte aber keinen Abbruch getan. Ich war von der ersten Seite an gefesselt von dieser unangepassten und unbequemen jungen Frau, die versucht, das Rätsel um den Mord an Estelle zu lösen. Sie ist eine der ersten weiblichen Detektive bei Pinkerton und es nervt sie ungemein, dass sie nur Sekretariatsaufgaben bekommt und niemand ihr zutraut, einen Fall zu lösen. Da Mrs. Roover schon vorher mit Celeste zu tun und sie schätzen gelernt hatte, kommt für sie niemand anders als Begleitung für ihre Nicht infrage.
In London merkt Celeste schnell, dass die Uhren noch etwas anders ticken als in Amerika- Sie eckt mit ihrem forschen und kompromisslosen Auftreten schnell überall an, vor allem bei Lord Ellingsford, der die junge Frau am liebsten sofort nach Amerika zurückschicken möchte. Er beugt sich jedoch den Wünschen seiner Tochter und seiner Frau.
 
Fazit:
Nathan Winters hat hier einen wirklich fesselnden viktorianischen Krimi verfasst, der sich hinter den bekannten Namen wie Caleb Carr, Anne Perry oder David Morell nicht verstecken muss, Er beschreibt das Leben im London des 19. Jahrhunderts sehr überzeugend und anschaulich.
Ich habe gesehen, dass es einen weiteren Band gibt und werde ihn sicherlich lesen. Wer viktorianische Krimis und taffe Ermittlerinnen mag, sollte hier zugreifen.
 
Autor: Nathan Winters
Titel: Das Geheimnis der Madame Yin
Verlag: Pro-Talk Crime  (demnächst beim Drachenmond Verlag), TB, 408 Seiten
ISBN: 9783939990345 (neu  ‎ 978-3691301861) 
 
ok tropes von drachenmond gefunden
Enemies to Partners / Reluctant Partners
Grasping for Equality
Gritty Victorian / Gaslight Mystery
High Society meets Underworld
 
interessant, dass Dinge wie brutale Gewalt, sexuelle Handlungen, verstörende Szenen und brutale Morde etc. nicht erwähnt werden.  
 

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