Mitten im tiefsten Winter
kommt ein Fremder über die verschneiten Berge nach Orthlund. Auf seinem Weg
sammelt er einen verletzten Raben auf. Zielstrebig schreitet der Mann auf die
Festung Anderras Darion zu, deren Tore seit Äonen verschlossen sind. Die
Bewohner des unterhalb der Festung liegendes Dorfes Pedhavin und auch ihre Urgroßeltern
können sich nicht daran erinnern, dass die silbernen Tore der Festung je
geöffnet waren. Doch der Fremde schreitet unbeirrt vorwärts, öffnet die Tore, und
nimmt die Burg in Besitz.
Der Rabe Gavor gibt dem
Fremden, der über keinerlei Erinnerungen verfügt, den Namen Hawklan, der Heiler.
Denn Hawklan hat die begnadete Gabe, sich in den Körper und die Seele der Menschen
und Tiere einzufühlen und kann dadurch fast jede Krankheit erkennen und
heilen.
Mittlerweile lebt er seit zwanzig
Jahren in der Festung und in den Brüdern Isloman und Loman hat er zwei
aufrichtige Freunde gewonnen. Zusammen sorgen sie für das Wohl von Tirilen,
Lomans Tochter, die als Wildfang in der Festung aufwächst.
Als eines Tages ein
Kesselflicker in das Dorf kommt und seltsame Waren verkauft, ändert sich das
Leben aller Menschen im Dorf. Denn der Kesselflicker mit seinen Waren, denen ein
Gräuel anhaftet, ist nur ein Vorbote der gewaltigen Veränderungen, in deren
Mittelpunkt Hawklan steht.
Kommentar:
Ich bin mittlerweile schon
beim zweiten Band, der wesentlich flotter ist, als dieser Auftaktband. Hier
lässt sich der Autor Zeit, die Menschen und deren Beziehungsgeflecht untereinander
vorzustellen.
Loman und Isloman, welche die
Festung nach deren Öffnung als erstes zu betreten wagen, finden einen freundlichen, alterslos erscheinenden
Mann vor, dessen ruhiges und stilles Gemüt sie beeindruckt.
Hawklan hadert nicht mit seinem
Schicksal. Er nimmt es an und macht das Beste daraus. Somit passt er gut zu dem
Menschenschlag in Orthlund. Menschen, die keinen Fürsten oder König über sich
haben, sondern die ihre Angelegenheiten untereinander direkt regeln, geführt
von einem Ältestenrat, der nur bei großen Problemen einschreitet.
Die
Orthlunder besitzen nicht viel aber das Wenige teilen sie gerne und jeder
achtet auf den Nachbarn. Hawklan fügt sich still und unauffällig in diese
Gemeinschaft ein und ist bald ein Teil von ihr. Die Dorfbewohner versorgen ihn
mit allem, was er benötigt, als Dank dafür, dass er sie heilt. Es scheint, als
wäre Anderras Darion seit jeher die Heimat des Heilers, so genau kennt er all
deren Geheimnisse.
Isloman ist ein begnadeter
Steinmetz und Schnitzer, sein Bruder Loman ein hervorragender Schmied. Die
Kunstwerke der Orthlunder sind in der ganzen bekannten Welt beliebt und begehrt. Im Gegensatz zu den anderen
Ländern führen sie kein stehendes Heer, auch wenn einige Orthlundern im letzten
Krieg auf der Seite der Fyorlunder gekämpft haben.
Da sie selten auf Reisen
gehen, freuen sie sich über die Ankunft des Kesselflickers mit seinen
außergewöhnlichen Waren. Obwohl sie die besten Handwerker der Welt im Dorf
haben, schafft es der Kesselflicker, den Dorfbewohner auch Schnitzwerk und
Werkzeug zu verkaufen. Neben allerlei Tand für die Damen und Spielzeug für die
Kinder. Tirilen überredet Hawklan, ebenfalls das Dorf zu besuchen und die Waren
in Augenschein zu nehmen. Schon bald erkennt Hawklan, dass die Waren nicht das sind,
als was sie erscheinen.
Hawklan, von einer inneren
Unruhe getrieben, macht sich über die Berge auf zum Gretmearc, dem größten
Markt in Riddin, den jeder Mensch einmal im Leben besucht haben muss. Er hofft,
dort mehr über den Ursprung der Waren herauszufinden.
Roger Taylor erzählt diesen
ersten Teil der Geschichte sehr ruhig und intensiv. Das Szenario wechselt zwischen
Orthlund und Riddin und Fyorlund hin und her. Nach und nach erkennt der
Lesende, dass alle Ereignisse zusammenhängen und einen gemeinsamen Ursprung
haben.
Hawklan ist eine sehr sympathische
und liebenswerte Person. Zwanzig Jahre hat er ein ruhiges und bescheidenes
Leben geführt. Mit der Ankunft des Kesselflickers werden Gefühle und Gedanken geweckt,
deren Ursprünge Hawklan unbekannt sind. Und er beginnt, Fragen zu stellen.
Wie konnte er im tiefsten
Winter unbeschadet die Berge überqueren?
Wie kam es, dass er zufällig
Gavor fand?
Warum konnte er das Tor der Festung
öffnen und woher kennt der deren verstecktesten Kammern und Wege?
All diese Fragen hofft er, auf
dem Gretmearc beantwortet zu bekommen. Die Reise dorthin verändert ihn nach und
nach und offenbart nur noch mehr Geheimnisse statt welche zu lüften.
Ich mag diese alten epischen Fantasy
Geschichten, die langsam beginnen und den Lesenden sofort in ihren Bann ziehen
Heute findet man diese Art der Erzählung kaum noch, die Lesenden haben auch nicht
mehr die Muße und Geduld, einer ruhigen und langsamen Geschichte zu folgen. Und
die Dialoge zwischen Hawklan und Gavor sind sehr witzig und geben dem Buch eine
wirklich pfiffige Note.
Leider fehlt dem Buch ein
Personenregister und eine Karte der Länder. Ich weiß nicht, ob es eine
Neuauflage gibt, die das beinhaltet. Meine Bücher sind von 1996.
Fazit:
Da ich momentan kaum noch
Bücher finde, die mich ansprechen, lese ich endlich meine gesammelten Serien
bzw. Autoren ab und ich bin froh, so einen gewaltigen SUB zu haben. Ich hoffe,
dass diese Art der Geschichten auch wieder ihre Berechtigung findet und sich Lesende wieder auf den Inhalt besinnen, statt nur auf das Äußere zu achten.
Sonst verpassen sie so schöne Fantasy Geschichten wie die von Roger Taylor.
Titel: Aufbruch nach Riddin
Reihe: Hawklan der Heiler
Autor: Roger Taylor
Verlag: Bastei Lübbe, TB, 281 Seiten
ISBN: 9783404202805

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