Benjamin Merleau ist ein
knurriger, alter Kommissar. Seit sein Freund und Partner Alphonse vor einem
halben Jahr bei einen Einsatz ums Leben kam, denkt Benjamin nur noch an seine
Pension und an die Zeit, die er dann im Garten verbringen wird. Doch bevor es
soweit ist, wird ihm eine neue Partnerin zur Seite gestellt. Die 22jährige
Veronique Colbert, die frisch von der Polizeischule kommt.
Sie ist es, die die
Vermisstenmeldung zur kleinen Caroline aufnimmt. Während für Merleau schnell
feststeht, dass der Vater, Claude Pitou, für das Verschwinden verantwortlich
ist, sieht die junge Polizistin das anders. Grund für diese Annahme ist ein
Rabe, der Veronique diverse Zettel bringt, die in einer Geheimschrift verfasst
zu sein scheinen. Obwohl Merleau den Ideen der jungen Kollegin leicht amüsiert
gegenübersteht, lässt er ihr ihren Willen, den Ursprung und Sinn dieser Zettel
herauszufinden. Auffällig ist, dass einige Zettel sehr alt und vergilbt wirken,
andere hingegen so, als wären sie gerade erst verfasst worden.
Kommentar:
Die ist nun die zweite
Mondbogengeschichte aus der Feder von Joachim Sohn. Gefällt sie mir so gut wie
die erste Geschichte? Das ist schwierig zu beantworten, auf jeden Fall hat
sich mich wieder sehr berührt, teilweise
erschüttert und zum Nachdenken gebracht.
Es ist das Jahr 1974, die
Ereignisse finden in der kleinen Stadt Luneville statt. Irene Beaudoire ist es,
die Merleau rät, den Raben nicht zu ignorieren. Hat sie doch selber schon Erfahrungen
mit Jaques Schroeder gemacht, wie sie den Raben getauft hat. Der Dialog zwischen
ihr und Merleau auf Seite 69 macht klar, wie unterschiedlich die Menschen sind.
Die einen hadern mit ihrem Schicksal, suchen die Schuld bei anderen. Und
andere, wie Irene, machen das Beste aus dem, was ihnen gegeben ist. Ich habe
mich gefreut, dass sowohl Irene als auch Gustave hier ihre kleinen Auftritte
haben.
Aber das Hauptaugenmerk liegt
auf Benjamin und Veronique. Zwei Generationen, die unterschiedliche Ansätze und
Ideen haben und gemeinsam eine Lösung finden müssen.
Veronique bleibt dabei zwar
etwas blass, aber sie ist konsequent, zielstrebig und durchsetzungsfähig und
obwohl sie die junge, moderne Generation verkörpert, ist sie es, die dem Raben
folgt. Merleau lehnt dies konsequent ab und hält die junge Frau für etwas
verrückt, legt ihr aber keine Steine in den Weg. Als sie ihn allerdings bittet
nach Sanary - sur - Mer zu fahren, stemmt er sich vehement gegen diese Idee.
Erst nach und nach offenbart Joachim Sohn uns die ganze Tragik, die hinter dieser
Reise in die Vergangenheit steckt. Wie schon Gustave, hat auch Benjamin einen
Krieg und dessen Schrecken erlebt. Ich war erschüttert, als die Vergangenheit
des Kommissars offenbart wird, die Entscheidungen, die er treffen musste und
die Konsequenzen, die er daraus ziehen musste. Wer von uns kann heute ehrlich sagen,
wie er sich entschieden hätte? Ich mag mir das nicht anmaßen. Ich war 1974 12
Jahre alt und habe mir damals keine Gedanken gemacht, dass so viele Menschen den
2. Weltkrieg noch hautnah erlebt haben.
Und auch der zweite
Handlungsstrang um Pitou hat mich manches Mal schlucken lassen. Hier hat der
Autor auch einige aktuelle Beispiele einfließen lassen, die ich dann nachgelesen habe. Ein Thema, dass immer wieder
den Weg in die Medien findet und das immer noch gerne totgeschwiegen wird.
Der
Schreibstil von Joachim Sohn ist direkt
und schnörkellos ohne falsche oder übertriebene Dramatik oder blendende
Effekte. Gerade diese Schnörkellosigkeit bewirkt, dass die Geschichte noch
eindringlicher wirkt und unter die Haut geht. Eingebunden in phantastische
Elemente ist es leichter zu ertragen, dass sich die Erlebnisse von Pitou und
Merleau durchaus so zugetragen haben
können.
Wenn man die Seiten durch die Finger gleiten lässt, sieht man die Raben
fliegen. Edition Outbird hat sich hier sehr viel Mühe mit der Gestaltung des
Buches gegeben. Die Farbgestaltung lässt ahnen, dass es nicht so eine leichte,
liebenswerte Geschichte wird wie die zu Irene, auch wenn im ersten Band ebenfalls einiges
an Tragik verborgen ist.
Zum Glück haben sich Joachim Sohn und Holger Much wieder zusammengetan, so
dass dieses Buch nicht nur sprachlich, sondern auch optisch ein Highlight ist.
Die Illustration auf Seite 104 hat mich am meisten berührt.
Und ja, mein erstes Auto war ein Renault 4!
Fazit:
Bild und Wort gehen eine perfekte Symbiose ein und die Geschichte berührt
das Herz. Hut ab vor Joachim Sohn und Holger Much, die zusammen etwas Außergewöhnliches geschaffen haben.
Titel: Merleau
Reihe: Eine
Mondbogengeschichte
Illustrationen: Holger
Much
Verlag: Edition
Outbird. TB 268 Seiten
ISBN: 9783912308020

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