Musikalische Fluchten

17 April 2026

Merleau - eine Mondbogengeschichte von Joachim Sohn

Benjamin Merleau ist ein knurriger, alter Kommissar. Seit sein Freund und Partner Alphonse vor einem halben Jahr bei einen Einsatz ums Leben kam, denkt Benjamin nur noch an seine Pension und an die Zeit, die er dann im Garten verbringen wird. Doch bevor es soweit ist, wird ihm eine neue Partnerin zur Seite gestellt. Die 22jährige Veronique Colbert, die frisch von der Polizeischule kommt.
Sie ist es, die die Vermisstenmeldung zur kleinen Caroline aufnimmt. Während für Merleau schnell feststeht, dass der Vater, Claude Pitou, für das Verschwinden verantwortlich ist, sieht die junge Polizistin das anders. Grund für diese Annahme ist ein Rabe, der Veronique diverse Zettel bringt, die in einer Geheimschrift verfasst zu sein scheinen. Obwohl Merleau den Ideen der jungen Kollegin leicht amüsiert gegenübersteht, lässt er ihr ihren Willen, den Ursprung und Sinn dieser Zettel herauszufinden. Auffällig ist, dass einige Zettel sehr alt und vergilbt wirken, andere hingegen so, als wären sie gerade erst verfasst worden. 
 
Kommentar:
Die ist nun die zweite Mondbogengeschichte aus der Feder von Joachim Sohn. Gefällt sie mir so gut wie die erste Geschichte? Das ist schwierig zu beantworten, auf jeden Fall hat sich  mich wieder sehr berührt, teilweise erschüttert und zum Nachdenken gebracht.
Es ist das Jahr 1974, die Ereignisse finden in der kleinen Stadt Luneville statt. Irene Beaudoire ist es, die Merleau rät, den Raben nicht zu ignorieren. Hat sie doch selber schon Erfahrungen mit Jaques Schroeder gemacht, wie sie den Raben getauft hat. Der Dialog zwischen ihr und Merleau auf Seite 69 macht klar, wie unterschiedlich die Menschen sind. Die einen hadern mit ihrem Schicksal, suchen die Schuld bei anderen. Und andere, wie Irene, machen das Beste aus dem, was ihnen gegeben ist. Ich habe mich gefreut, dass sowohl Irene als auch Gustave hier ihre kleinen Auftritte haben.
Aber das Hauptaugenmerk liegt auf Benjamin und Veronique. Zwei Generationen, die unterschiedliche Ansätze und Ideen haben und gemeinsam eine Lösung finden müssen. 
Veronique bleibt dabei zwar etwas blass, aber sie ist konsequent, zielstrebig und durchsetzungsfähig und obwohl sie die junge, moderne Generation verkörpert, ist sie es, die dem Raben folgt. Merleau lehnt dies konsequent ab und hält die junge Frau für etwas verrückt, legt ihr aber keine Steine in den Weg. Als sie ihn allerdings bittet nach Sanary - sur - Mer zu fahren, stemmt er sich vehement gegen diese Idee. Erst nach und nach offenbart Joachim Sohn uns die ganze Tragik, die hinter dieser Reise in die Vergangenheit steckt. Wie schon Gustave, hat auch Benjamin einen Krieg und dessen Schrecken erlebt. Ich war erschüttert, als die Vergangenheit des Kommissars offenbart wird, die Entscheidungen, die er treffen musste und die Konsequenzen, die er daraus ziehen musste. Wer von uns kann heute ehrlich sagen, wie er sich entschieden hätte? Ich mag mir das nicht anmaßen. Ich war 1974 12 Jahre alt und habe mir damals keine Gedanken gemacht, dass so viele Menschen den 2. Weltkrieg noch hautnah erlebt haben.
Und auch der zweite Handlungsstrang um Pitou hat mich manches Mal schlucken lassen. Hier hat der Autor auch einige aktuelle Beispiele einfließen lassen, die ich dann  nachgelesen habe. Ein Thema, dass immer wieder den Weg in die Medien findet und das immer noch gerne totgeschwiegen wird.
Der Schreibstil von Joachim Sohn ist direkt  und schnörkellos ohne falsche oder übertriebene Dramatik oder blendende Effekte. Gerade diese Schnörkellosigkeit bewirkt, dass die Geschichte noch eindringlicher wirkt und unter die Haut geht. Eingebunden in phantastische Elemente ist es leichter zu ertragen, dass sich die Erlebnisse von Pitou und Merleau  durchaus so zugetragen haben können.
Wenn man die Seiten durch die Finger gleiten lässt, sieht man die Raben fliegen. Edition Outbird hat sich hier sehr viel Mühe mit der Gestaltung des Buches gegeben. Die Farbgestaltung lässt ahnen, dass es nicht so eine leichte, liebenswerte Geschichte wird wie die zu Irene, auch wenn im ersten Band ebenfalls einiges an Tragik verborgen ist.
Zum Glück haben sich Joachim Sohn und Holger Much wieder zusammengetan, so dass dieses Buch nicht nur sprachlich, sondern auch optisch ein Highlight ist. Die Illustration auf Seite 104 hat mich am meisten berührt. 

Und ja, mein erstes Auto war ein Renault 4!

Fazit:
Bild und Wort gehen eine perfekte Symbiose ein und die Geschichte berührt das Herz. Hut ab vor Joachim Sohn und Holger Much, die zusammen  etwas Außergewöhnliches geschaffen haben.

Titel: Merleau
Reihe: Eine Mondbogengeschichte
Illustrationen: Holger Much
Verlag: Edition Outbird. TB 268 Seiten
ISBN: 9783912308020

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