03 Januar 2017

Das Buch der verlorenen Dinge von John Connolly-mein Tipp Januar



http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/das-buch-der-verlorenen-dinge-9783548609225.html
London im zweiten Weltkrieg. Die Mutter des 12 jährigen David ist todkrank. Als sie stirbt und der Vater eine neue Beziehung eingeht, fühlt sich der Junge einsam und verlassen. Zumal er sich die Schuld an dem Tod seiner Mutter gibt. Um den Bombenangriffen über London zu entgehen, zieht die Familie in ein altes Haus auf dem Land. Dort erhält David ein eigenes Zimmer, voll mit alten Büchern seines Vorbesitzers. Ein Paradies für einen einsamen Jungen, der seine Stiefmutter nicht leiden kann und neidisch auf die Aufmerksamkeiten ist, die sein kleiner Bruder erhält. Obwohl  Rose, die neue Frau seines Vaters, alles unternimmt, um David in die Familie mit einzubeziehen, hasst David sie und weigert sich, sie zu akzeptieren. Er flüchtet sich in eine Welt aus Büchern. Dies geht so weit, dass er die Bücher flüstern hört und teilweise den Bezug zur Realität verliert und bewusstlos wird. Ärzte finden keine Ursache für diese Ohnmachtsanfälle und sehen die Ursache in dem Verlust der Mutter und seiner Trauer.


Bald sieht er auch Personen, die niemand anders wahrnimmt und hört überall ein wispern und flüstern, bald fühlt er sich in seinem eigenen Zimmer bedroht. Nach einem Streit mit seiner Stiefmutter Rose, bei dem sich sein Vater auf ihre Seite stellt, bekommt David Hausarrest und Bücherverbot.  Diese Ungerechtigkeit treibt ihn zu einer unbedachten Handlung und er findet sich plötzlich in der Welt seiner Ängste und Träume wieder, in die ihn der krumme Mann gelockt hat. Jener Mann, den er schon mehrmals gesehen hat, den außer ihm aber niemand wahrgenommen hat.  In diesem Land  existiert nur ein immerwährendes Zwielicht, es ist eine kalte, trübe und düstere Welt ohne Hoffnung, bevölkert von den merkwürdigsten Kreaturen.  Um den Weg zurück nach Hause zu finden, muss David zum König des Landes. Der Weg dorthin ist ein Weg zu sich selbst.

Kommentar:

Noch nie hat es mich beim Lesen eines Kinder- oder Jugendbuches so gegruselt. Man bekommt als Leser nicht das, was man erwartet. Doch das besondere an der Geschichte und ihre  Andersartigkeit machen dies als mehr als Wett. David durchlebt alle Gefühle, die einen nach dem Verlust eines geliebten Menschen überfallen können: Neid, dass andere Menschen den Verlust überwinden, Eifersucht auf die neue Bezugsperson des Vaters und den neuen Bruder, Einsamkeit, Wut und Trauer und Rachgefühle. Er ist ein verstörter Junge, der sich in einer verstörenden Welt widerfindet. Dies bezieht sich sowohl auf die reale Welt, die sich mitten in einem grausamen Krieg befindet als auch auf die  Traumwelt, die keinen Trost spendet sondern an Grausamkeit nicht zu wünschen übrig lässt. Ein Spiegel seiner negativen Gefühle. Je mehr er in dieser Welt voranschreitet desto mehr wandelt sich David von einem trotzigen und verängstigten Kind zu einem jungen Mann, der über seine Handlungen nachdenkt und sie zu hinterfragen beginnt.  

Der Weg dorthin ist schwierig und voller Gefahren. Er lernt, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er sieht viele Grausamkeiten und erlebt auch in der Traumwelt Verluste. Die Märchen, wie er sie kennt, wandeln sich in beängstigende Erlebnisse. Der Leser leidet mit dem kleinen Jungen,  man lacht und weint mit ihm, man ist wie er schockiert und entsetzt über Ereignisse in Andersland.

Es ist bewundernswert, dass sich der Autor traut, den uns bekannten Märchen eine neue Wendung zu gegeben. Man sollte meinen, es sei ein Sakrileg Schneewittchen als böse Tyrannin zu zeigen. Doch haben wir und nicht alle schon immer gefragt, ob dieses "und sie lebten glücklich bis zum Ende" nicht nur Lug und Trug ist? Egal ob Dornröschen, Hänsel und Gretel oder Rotkäppchen, alle gehen hier andere Wege. Wenn die reale Welt so grausam und ungerecht ist, wieso sollte es da in einer Märchenwelt nicht auch so zugehen? Der Autor zeigt auf, dass eine Flucht vor der Realität keine Lösung ist und man sich seinen Problemen stellen muss, statt sie zu ignorieren.  Die erwartete Dankbarkeit über die Rettung eines Dorfes bleibt aus, ein Ritter kann nicht nur ritterlich handeln oder alle Bedürftigen retten, eine zu rettende Prinzessin entpuppt sich als Blutsaugerin. Auch die Erzählungen innerhalb der Geschichte zeigen auf, dass nicht alles immer gut endet.  Die Märchen, die der Förster und Roland erzählen sind bizarr und erschreckend, es ist wird nichts beschönigt, ihre Sprache ist prägnant und direkt.

David erkennt letztendlich, dass ein Handel mit dem krummen Mann zwar seine Wünsche erfüllen würde, dass der Preis aber zu hoch ist und er nicht willens ist, diesen zu bezahlen.  Das böse Wesen hat ein Kabinett des Grauens geschaffen und zieht überall in der Anderswelt im Hintergrund die Fäden. Wie eine Spinne in Netz hockt er da und lauert darauf, dass Kinder in seine Falle tappen. Die Verlockung ist groß, seinen Versprechungen zu erliegen. Kinder sind willkommene Opfer, da ihre Gefühle sehr stark sind und sie sich der Konsequenzen ihrer Taten noch nicht bewusst sind. Sie handeln impulsiv  und emotional und sind somit leichte Opfer. 

Ich kannte von John Connelly bisher nur seine Charlie Parker Romane, in denen der Leser immer wieder mit der allgegenwärtigen Kraft des Bösen konfrontiert wird. Diese Thriller sind düster, mystisch  und beklemmend aber auch intensiv spannend.  Für dieses Kinderbuch geht der Autor keine Kompromisse ein, er bleibt seiner Linie treu.

Das Cover ist wirklich schon gestaltet. Es zeigt einen Schattenriss des krummen Mannes und David, der in ein Buch vertieft ist,  blau und weiß ergeben einen schönen Kontrast.

Fazit:

beklemmend, fesselnd, magisch, bezaubernd. Trotz aller Düsterkeit ein wunderbares Buch über das Erwachsen werden. Es beschönigt nichts und verspricht doch viel.


Titel: Das Buch der verlorenen Dinge


Übersetzung: Claudia Feldmann

Verlag: LIST, TB, 336 Seiten

ISBN: 978-3548609225

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