05 Juli 2016

American Gods von Neil Gaiman (alte Version)



Shadow wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Stoisch sitzt er seine Strafe ab, lässt sich weder von den Wärtern, noch von den Mitinsassen provozieren und aus der Ruhe bringen. Er ist Mustergefangener, er ruht in sich selbst, er liest viel und bringt sich Münzentricks bei.
Nach drei Jahren soll er auf Bewährung entlassen werden. Draußen warten seine Frau Laura und ein Job auf ihn. Alles scheint gut. Doch zwei Tage vor seiner Entlassung stirbt seine Frau bei einem Verkehrsunfall. Mit im Auto ihr Liebhaber und Shadows bester Freund und zukünftiger Chef Robert.
Shadows Welt liegt in Trümmern, alle seine Hoffnungen und Träume über eine glückliche Zukunft sind dahin.
Daher sagt er zu einem Jobangebot des zwielichtigen Wednesday nicht nein, obwohl ihm der Typ eher unangenehm ist. Durch seine neue Tätigkeit betritt Shadow eine völlig andere Welt und er wird zur Hauptfigur in einem Krieg der Götter. In der neuen Welt verlieren die alten Götter an Macht und Einfluss, die Menschen huldigen ihnen nicht mehr, ihre Tempel sind vergessen. Neue Götter treten auf den Plan, werden von den Menschen verehrt und angebetet. Der schnöde Mammon, die virtuelle Welt, die Elektronik und neue Erfindungen nehmen mehr Platz im Herzen der Menschen ein als Osiris, Odin oder Kali. Doch die alten Götter fangen an sich zu wehren. Welche Rolle Shadow spielen soll ist ihm nicht klar, doch da er seinen Lebensinhalt verloren hat, begibt er sich auf diesen Pfad der Götter. Laura treu an seiner Seite, die nicht zu den Toten kann.
Kommentar:
Shadow besitzt das Talent, eine Lüge auszusprechen und diese zur Wahrheit werden zu lassen. Er erfindet eine Person und ist plötzlich diese Person, kennt sie in und auswendig, legt sie sich wie einen Mantel um. Auch Neil Gaiman schafft es, den Leser völlig in den Bann zu ziehen und ihn zu überzeugen, dass diese Geschichte tatsächlich so stattgefunden hat.
Karsten Singelmann hat sich mit der Übersetzung sehr viel Mühe gegeben und die liebevolle Ironie und den Charme des Buches erhalten. Zitat: ....."das schön zu finden man nur in Erwägung ziehen konnte, wenn man stoned war" sind einfach wunderbare Satzkreationen.
In eine absurde und irrwitzige Geschichte noch absurdere und irrwitzigere Geschichten einzubauen , wie die von Hinzelmann, ist ein guter Schachzug und gibt dem Buch eine besondere Würze. Zu diesem gelungenen Schachteltrick kommt noch das geniale Talent des Autors, einfach Dinge beeindruckend zu beschreiben. Das kindliche Vergnügen einer Karusselfahrt lässt uns wieder träumen, auf dem Gipfelpunkt des Glücks wähnt man sich den Göttern nahe.
Man muss Partei ergreifen, sich für eine Seite entscheiden. Die materielle neue Welt den alten Glauben. Kälte, Isolation, Einsamkeit, Ehrgeiz und Machtstreben auf der einen Seite gegen die Geborgenheit des Altbekannten und Vertrautem. Ein Krieg scheint unausweichlich doch Shadow möchte ihn verhindern. Keine leichte Aufgabe. Zumal er endlich auch mit Laura die nötigen und intensiven Gespräche führt, die zu Lebzeiten nie geführt wurden. Er muss sich unbequemen Wahrheiten stellen und sich selbst hinterfragen.
Neil Gaiman bedient sich hier vieler alter Mythologien und verwebt sie zu einer faszinierenden Geschichte. Er führt uns vor Augen, was wir verlieren, wenn wir in dieser schnelllebigen und Reiz überfluteten Zeit unsere Wurzeln verlieren. Dabei nimmer er die heutige Gesellschaft, gerade in den USA, aufs Korn und hinterfragt unsere neuen Ziele und Ideale . Als "englishman in New York" scheint ein besonderes Auge für die amerikanische Gesellschaft zu haben.
Fazit:
Humorvoll, skurril, unterhaltsam und spannend. ich bin gespannt auf den director's cut
10 von 10 Sternen
Titel: American Gods
Autor: Neil Gaiman
Verlag: Heyne

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